Rede am 17.08.2014 bei der Kundgebung „Gegen jeden Antisemitismus“

Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Dass 69 Jahre nach der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Barbarei auf deutschen Straßen der Mob wieder „Scheiß Jude wir kriegen Dich“, „Israel vergasen“ oder „Sieg Heil“ skandieren darf, hätten man wohl kaum für möglich gehalten. Aber es ist geschehen, erst vor wenigen Tagen, hier in Deutschland. Und es waren nicht nur junge Palästinenser, junge Menschen islamischen Glaubens, die auf diese Weise ihren Hass gegen Israel zum Ausdruck brachten. Es waren Deutsche aus der Mitte der Gesellschaft.

 Bereits zuvor ­waren bei dem Thema Israel im Nahostkonflikt regelmäßig antijüdische Reflexe an der Tagesordnung. Beispielsweise konnte ein weltberühmter Literat davon sprechen, dass „jene, die eine Zwei-Staaten-Lösung vertreten, falsch denken. Der Untergang dieses verächtlichen Apartheidsystems ist das einzig denkbare Resultat, da es notwendig ist.“ Diese Aussage zu Israel stammt vom schwedischen Krimi-Autor Henning Mankell. Eine Ungeheuerlichkeit, aber es wurde gesagt und von den Medien immer und immer wieder verbreitet. So als gebe ein bekannter Autor für einen derartigen menschenverachtenden Satz eine gewisse Legitimation. Manche Journalisten versteckten sich auch hinter dem bekannten Namen.

Stets wird dabei betont, dass es möglich sein müsse, Israel zu kritisieren, ohne in „die rechte Ecke“ gedrängt zu werden. Dieser Forderung ist natürlich zuzustimmen. Ob Besatzung oder Krieg, ob Siedlungspolitik, ob Kritik an sozialer Polarisierung in Israel oder Einschränkung von Bürgerrechten – es gibt keinen Aspekt israelischer Politik, der nicht in Leitartikeln und Interviews, im Parlament oder am Stammtisch angegriffen, hinterfragt und beanstandet würde. Israel ist eine Demokratie und Deutschland ist es Gott sei Dank auch. Also darf, nein muss über die israelische Politik genauso ernsthaft und verantwortungsbewusst gestritten werden, wie über die Politik Putins, Obamas, Merkel, der EU und  – bitte sehr – auch über die der zerstrittenen Palästinenser.

Was will die terroristische Hamas mit dem Raketenbeschuss erreichen? Ist sie überhaupt legitimiert, für die Rechte der Palästinenser zu sprechen? Kümmert sie sich wirklich um das palästinensische Volk und bekämpft sie die Korruption in den eigenen Reihen? Oder tut das der gewählte Präsident, der wiederum von der Hamas bekämpft wird? Also Fragen über Fragen und  Kritik über Kritik zum immerwährenden Nahostkonflikt.

Das Erstaunliche und immer wieder Verstörende ist aber, dass im Nahost-Konflikt die Kritik an Israels Politik häufig mit einer antisemitischen Haltung einhergeht. Wenn hingegen Kritik an der terroristischen Hamas geübt wird, findet sich – richtigerweise und Gott sei Dank – in diesem Zusammenhang keine pauschale antiislamische Kritik.

Warum ist das so? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wahrscheinlich nur eine historische Antwort. Über Jahrhunderte ist von der christlichen Mehrheitsgesellschaft in Europa der Antisemitismus den Menschen per Kanzel  verkündet  worden.  Bis zur systematischen Vernichtung jüdischer Menschen durch die Nazis, dem furchtbarsten Massenmord in der Geschichte der Menschheit, zieht sich diese vollkommen unchristliche Spur.

Ludwig Börne sagte einmal resignierend angesichts des allgegenwärtigen und offenbar unausrottbaren Antisemitismus:

Es ist wie ein Wunder! Tausendemale habe ich es erfahren und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, dass ich ein Jude sei; die anderen verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür – aber alle denken doch daran.

Und so ist es bis heute.

Jetzt werden viele fragen, wo beginnt die Kritik an Israel antisemitisch zu werden. Es gibt keine klare Grenze, wie sollte es auch.

Aber Kritik am jüdischen Staat ist sicher dann antisemitisch, wenn sie Israel als „Jude unter den Staaten“ dämonisiert oder den Staat und sein Handeln pauschal delegitimiert. Antisemitisch ist, wenn die israelische Politik mit Nazimethoden gleichgesetzt wird und wenn man die Juden kollektiv für israelische Politik der jeweiligen Regierung haftbar macht. So etwa geschieht es seit Jahren an der sog. Kölner Klagemauer, hier gleich um die Ecke.

Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied, politische Entscheidungen, Fehlverhalten oder gar Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren oder Israel mit alten antisemitischen Stereotypen als Ganzes anzugreifen.

Viele Israelkritiker in Deutschland behaupten von sich, sie brächen angesichts einer auf alles niedersausenden Auschwitzkeule mutig ein Tabu; sie sagten ja nur ihre Meinung und dies müsse man doch wohl dürfen. Und hier und heute zum tausendsten Mal: natürlich darf man; wer wollte es bestreiten.

Aber es ist wohl bei den meisten doch so, dass das angebliche Tabu der Israelkritik für Deutsche nur jene anführen, die sich selbst als Opfer stigmatisieren wollen, um ihre Ressentiments zu kaschieren.

Offenbar hat diese verquere Begründung, die häufig mit Trotz einhergeht, psychologisch viel mit Auschwitz und dem Holocaust zu tun. Viele Deutsche erfüllt ein mulmiges Gefühl, wenn sie an Juden und Israel denken. Sie schämen sich, fühlen eine undefinierbare Verzagtheit. Einige nervt dieses Unbehagen so sehr, dass sie in eine Abwehrhaltung verfallen, perfekt diagnostiziert mit dem zynischen Bonmot „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“

Ab wann eine Kritik am Staat Israel erlaubt ist und wann sie antisemitisch wird, kommt zudem auf die ideologische Rahmung, den historischen Kontext oder auch die unreflektierte Verwendung von Symbolen an. Viele Aspekte spielen eine Rolle: je undifferenzierter und einseitiger der Nahostkonflikt auf die aktuelle Politik Israels projiziert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass antisemitische Stereotype einfließen.

Daher ist es für die Politische Bildungsarbeit von und mit Jugendlichen, wie wir sie mit unserem Projekt „Rote Karte gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus“ durchführen, von zentraler Bedeutung, die unterschiedlichen Dimensionen des Antisemitismus zu beleuchten und die Vermischung von alten und neuen antisemitischen Stereotypen herauszuarbeiten, zu dechiffrieren und infrage zu stellen.

Wichtig ist es, auf einfache Feindbilder oder pauschale Urteile zu bestimmten Entwicklungen im Nahen Osten zu verzichten. Je differenzierter und ausgewogener wir uns dem Thema zuwenden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf kollektive Stereotype oder simple Schuldzuweisungen verzichtet wird.

Wie stets ist es gefährlich, komplizierte Sachverhalte mit einfachen Lösungen zu versehen. Das machen nur Populisten!

Die Vermittlung der Aufdeckung von Strukturen und Mechanismen, die zeigen, wie jahrhundertealter Judenhass sich mit einer modernisierten politisierten und medial transportierten vielfach gezielten Form der Ausgrenzung und Diskriminierung verbindet, stellt eine maßgebliche Richtschnur für die Bekämpfung des Antisemitismus dar. Sie ist eine wichtige pädagogische Aufgabe, damit insbesondere junge Menschen eine aufgeklärte und kritische, aber eben auch historisch verantwortungsvolle Meinung entwickeln können.

Antisemitismus funktioniert im Übrigen auch ohne aktuelles jüdisches Handeln. Antisemitismus ist nämlich nicht die Krankheit von ein paar – wenigen – Verirrten, Verrückten, leicht Identifizierbaren. Der Antisemitismus ist kein Problem der Juden, keine Einstellung, die sich aus der jüdischen Geschichte, aus der jüdischen Religion erklären ließe; der Antisemitismus ist ein Problem der christlichen und islamischen Mehrheitsgesellschaft Deutschlands und Europas; oder anders gesagt: der Antisemitismus ist ein Problem der Antisemiten.

Wir werden nicht zulassen, dass es in Deutschland wieder einen breiten gesellschaftlichen Antisemitismus gibt.

Wir stehen  Seite an Seite mit unseren jüdischen Freuden in Solidarität und Menschenliebe – völlig unabhängig von aktuellen politischen Entwicklungen!