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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder,

die furchtbaren Bilder der letzten Wochen nach dem Überfall durch die russische Armee im Krieg gegen die Ukraine sind omnipräsent. Fassungslosigkeit und gleichzeitig eine wütende Ohnmacht keimen in uns angesichts der Millionen Frauen und Kinder, die vor dem Morden mitten in Europa fliehen. Wir erkennen jetzt erst, dass der Krieg des Autokraten Putin gegen die sich zur Demokratie entwickelnde Ukraine die furchtbare Konsequenz seines politischen Handelns seit längerer Zeit abbildet. Vergiftungen und Morde gegen Andersdenkende, die Unterstützung des Diktators Lukaschenka in Belarus (Weißrussland), die Unterstützung Assads in Syrien, die völkerrechtswidrigen Annexionen von Krim und im Donbass, die Unterstützung von Trump bei den Wahlen in den USA, systematische Cyberattacken gegen westliche staatliche Stellen, gezielte Falschmeldungen, Zensur, Bedrohung von Journalisten u.s.w. bilden eine lange Folge des russischen Kampfes gegen demokratische Entwicklungen in Nachbarländern und gegen die vom freien Willen und der Selbstbestimmung getragenen Werte des Westens. Man glaubte, dass nach den von Deutschen ausgehenden kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ angesichts offener Grenzen und globaler Wirtschaftsbeziehungen ein Krieg in Europa nicht mehr möglich sei.

Trotz dieser glasklaren Verantwortung Putins und seiner Vasallen darf nicht übersehen werden, wohin der seit mehreren Jahren sich entwickelnde Chauvinismus und Rassismus im Westen Europas in Vergangenheit und Gegenwart führt: nämlich zur Diskriminierung von Demokratie („Corona-Diktatur“), zu Verfolgung (Nawalny) und schließlich zu staatlich legitimiertem Mord und sogar Krieg gegen ein riesiges europäisches Land mit 45 Millionen Einwohnern. Es ist deshalb kein Wunder, dass Putin bei der extremen Rechten in Deutschland viele Unterstützer hat und auch bei einigen Linken auf Verständnis stößt. Er spricht diese mit seinem autoritären, verschwörungsideologischen und völkischen Vokabular an und schwingt sich in seinem Selbstverständnis zu einem Leader einer global vernetzten extremen Rechten auf.

Zugleich betrifft die aktuelle Situation die jüdischen Gemeinden in Deutschland ganz besonders, denn sie setzen sich zu über 80% aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zusammen. Viele haben sowohl in Russland als auch in der Ukraine familiäre Bindungen und darüber hinaus vielfältige soziale, kulturelle und ethnische Hintergründe. An ihren Biographien lässt sich plastisch verdeutlichen, dass wir es nie nur mit einer homogenen ethnischen Identität zu tun haben, sondern die Menschen in der Migrationsgesellschaft die unterschiedlichsten kulturellen, sozialen und ethnischen Bezüge aufweisen. Die Synagogen-Gemeinden haben hier in den letzten dreißig Jahren eine hervorragende Integrationsarbeit geleistet und gezeigt, dass ein gutes Zusammenleben sehr gut möglich ist. Auch heute fliehen wieder Juden aus der Ukraine nach Deutschland und finden bei Ihren Angehörigen in Deutschland und den Synagogengemeinden Hilfe und Unterstützung. So erreichten in der vergangenen Woche etwa 120 jüdische Waisenkinder aus Odessa Berlin.

Zeigen wir uns solidarisch mit den jüdischen und nicht-jüdischen Opfern des Krieges, sowohl mit denen, die es nach Deutschland in Sicherheit geschafft haben als auch mit den vielen anderen, die in den belagerten Städten ausharren.

Auf der anderen Seite entwickelt sich in Teilen der deutschen Bevölkerung gegenwärtig eine antirussische Haltung, die „Russlanddeutschen“ wegen ihrer Herkunft mit Anfeindungen, Hass und Hetze entgegentritt. In Oberhausen beschmierten Unbekannte die Scheiben eines russisch-geführten Lebensmittelmarktes; in einer Münchener Klinik kündigte eine Ärztin an, russischstämmige Patienten nicht mehr ambulant zu behandeln. Verständlicherweise distanzierte sich die Klinik umgehend von ihrer Mitarbeiterin. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten wies darauf hin, dass Hetze gegen „Russlanddeutsche“ im Netz und auf der Straße in den letzten Wochen massiv zugenommen hat.

Momentan deutet nichts auf ein schnelles Ende des Krieges hin. Daher müssen wir zum einen dazu aufrufen, die weiterverbreitete Hilfsbereitschaft gegenüber ukrainischen Geflüchteten aufrechtzuerhalten und möglichst noch auszubauen. Zum anderen hoffen wir natürlich auch, dass wir mit unserem vielfältigen Engagement einen bescheidenen Beitrag leisten können, Ausgrenzung, Hass und Gewalt entgegenzutreten.