Seit dem 45. Jahrestag der Urteilsverkündung im Lischka-Prozess (Köln, 1979/80) am 11. Februar 2025 ist eine Website mit ausführlichen Hintergrundinformationen, Materialien, Quellen und Anregungen zur didaktischen Aufbereitung online abrufbar unter: https://lischka-prozess.info/
Erstellt wurde sie in einem partizipativen Lehr-Lernprojekt unter der Leitung von Jens Tanzmann und Dr. Anne Klein, in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, der Synagogengemeinde Köln, der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Klarsfeld Foundation/Fils et Filles Déportés Juifs de France, Paris. Die Erstellung der Webseite wurde gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung NRW.
Zum Inhalt der Webseite:
In einer prozessorientierten und akteurszentrierten Perspektive geht es auf der Webseite um die (juristische) Aufarbeitung der Deportationensverbrechen, die unter der NS-Besatzung in Frankreich stattgefunden haben. Mehr als 10 Jahre lang waren jüdische Überlebende der Shoah aktiv, bevor schließlich im Winter 1979/80 vor dem Kölner Landgericht der Prozess gegen die drei ehemaligen SS-Verantwortlichen Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn stattfinden konnte.
Ausgehend von der jüdischen Perspektive bietet die Seite einen Einblick in die 10-jährige Vorgeschichte des Prozesses, zeigt Portraits von jüdischen AktivstInnen, Fotos von Aktionen in Köln und Miltenberg (Bayern), Archivdokumente, kurz und lange Hintergrundbeiträge zur Nachkriegsjustiz und historischer Gerechtigkeit. Essays und Module, die im Rahmen des Lehramtsstudiums erstellt wurden, ermöglichen einen vertiefenden Zugang zu spezifischen Themenaspekten wie beispielsweise zum Überleben der jüdischen Kinder und Jugendlichen in Vichy-Frankreich und deren späterem Engagement gegen die Straflosigkeit von NS-Tätern.
Forschungsprojekt „Die Kölner Justiz und der Umgang mit dem nationalsozialistischen Unrecht an Juden“
Zwischen 2001 und 2004 führte die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ein Forschungsprojekt zum Thema „Die Kölner Justiz und das NS-Unrecht an den Jüdinnen/Juden“ durch, unter der Projektleitung von Dr. Anne Klein. Ziel war es, die interdisziplinäre Begegnung zwischen Justiz, Geschichtswissenschaft und Zivilgesellschaft zu fördern und damit einen neuen Impuls in der städtischen Erinnerungskultur zu setzen. Ausgehend von der jüdischen Perspektive sollten bislang unhinterfragte Leerstellen der Nachkriegsjustiz genauer ausgeleuchtet werden,1 auf der Grundlage von Archivrecherchen und durch die aktive Integration von Zeitzeug:innen.
Im November 2002 fand eine Konferenz zum Thema „Die Kölner Justiz und der Umgang mit dem nationalsozialistischen Unrecht an den Juden nach 1945“2 statt, die national und auch international Unterstützung fand, z.B. durch das Leo Baeck Institut/London, das Institut für Strafrecht an der Universität in Amsterdam und die Klarsfeld-Stiftung in Paris. In der aus der Tagung hervorgegangenen Publikation „NS-Unrecht vor Kölner Gerichten nach 1945″ (Hrsg.: Wilhelm, J.; Klein, A.) spiegelt sich die chronologisch-inhaltliche Gliederung der Tagung wider: 1. Brüche und Kontinuitäten: Der Kölner Justizapparat und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach 1945; 2. „Wiedergutmachung“ – Die 1950er-Jahre; 3. Justiz und Öffentlichkeit – Die 1960er-Jahre, 4. Der „Fall Lischka“: ein Kölner Prozess mit internationaler Dimension – Die 1970er-Jahre.
Angeregt durch das selbstbewusste Engagement der französisch-jüdischen Überlebenden entstand die Idee zu der Ausstellung „,Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau …‘ Der Lischka-Prozess in Köln 1979/80“, die 2006 im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln gezeigt wurde.3 2011 wurde eine Erinnerungsplakette im Gericht am Appellhofplatz installiert. Die vollständige Chronologie der Projektereignisse seit 2020 mit vertiefenden Hintergrundinformationen zu Inhalten, Unterstützer:innen und Sponsor:innen kann auf der seit Februar 2025 online abrufbaren multimedialen Webseite zum Lischka Prozess „Gerechtigkeit, nicht Rache“ (https://lischka-prozess.info/) eingesehen werden.
1 Siehe das NRW-Forschungsprojekt »Die nordrhein-westfälische Justiz und ihr Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit« (1996-2000) sowie Andreas Disselnkötter, Brigitte Schumann: Persilschein für Staatsanwälte. Staatsanwälte mit NS-Vergangenheit verhinderten erfolgreich Strafverfolgung. Eine Spurensuche in Justiz und Politik am Beispiel von Nordrhein-Westfalen, in: Der Freitag, 12.07.2002, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/persilschein-fur-staatsanwalte (28.08.2025)
2 Vgl. Anne Klein/Jürgen Wilhelm (Hrsg.): NS-Unrecht vor Kölner Gerichten nach 1945, Köln: Greven Verlag, 2003.
3 Siehe die erweiterte Publikation zur Ausstellung: Anne Klein (Hrsg.): Der „Lischka-Prozess“ in Köln 1979/80. Eine jüdisch-französisch-deutsche Erinnerungsgeschichte, Berlin: Metropol Verlag, 2013.

