Verdreht und verzerrt – Eine Kritik von „Im Schatten des Orangenbaums“

SPOILERWARNUNG

Der Film Im Schatten des Orangenbaums erzählt die Geschichte einer palästinensischen Familie über drei Generationen zwischen den Jahren 1948 und 2022. Die Regisseurin Cherien Dabis, geboren 1976 in Omaha, Nebraska, mit palästinensisch-jordanischer Familienbiografie, schrieb das Drehbuch und übernahm ebenso eine der Hauptrollen. Sie hatte – so Dabis im Interview – „darüber nachgedacht, eine Geschichte über die Ursprünge der Vertreibung der Palästinenser:innen zu erzählen. Also eigentlich eine Geschichte darüber, was 1948 mit den Palästinenser:innen geschah, als der Staat Israel gegründet wurde“ [1]. Der Film solle „anhand einer Familie [zeigen], wie politische Entscheidungen ihr Leben geprägt haben“ und biete „über fast acht Jahrzehnte hinweg Kontext“ [2]. Die Anerkennung der palästinensischen Perspektive und des palästinensischen Leids sei ein „Schritt zur Heilung. Bevor wir über Frieden reden, müssen wir 1948 als Ursprung von Enteignung und Leid anerkennen“ [ebd.]. Da der Film bereits einige Auszeichnungen erhielt, von Jordanien als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 für die Kategorie bester internationaler Film eingereicht wurde und der deutsche Filmverleih „X-Verleih“ bereits Unterrichtsmaterialien zum Film vorgelegt hat, scheint eine genauere Analyse lohnend:

Den israelisch-palästinensischen Konflikt exemplarisch anhand einer Familiengeschichte über mehrere Generationen darzustellen, könnte für dessen Komplexität sensibilisieren sowie Ambiguitäten, Ambivalenzen und verschiedene Konfliktdimensionen aufzeigen. Doch leider scheitert der Film hier auf ganzer Linie und zeichnet ein simples Schwarz-Weiß-Bild, in dem es über die Zuordnung von Täter und Opfer keine Zweifel zu geben scheint. Jede Chance, der Erzählung mehr Tiefe zu verleihen und das vereinfachende Gut-Böse-Schema aufzubrechen, bleibt weitgehend ungenutzt.

Wie Dabis die „Ursprünge der Vertreibung“ erzählt, zeigt sich in der ersten Hälfte des Films, die sich um das Jahr 1948 und die sogenannte „Nakba“ (Katastrophe) dreht. Während die traditionelle zionistische Geschichtsschreibung durch die israelischen Neuen Historiker wie Benny Morris in den 1980ern eine Revision erfuhr und Morris die Komplexität von Flucht und Vertreibung im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen aufzeigte, reproduziert Im Schatten des Orangenbaums den Mythos eines „zionistischen Masterplans“ zur Vertreibung der Palästinenser:innen. Selbstredend kann und sollte man an einen Spielfilm nicht dieselben Standards wie an die Geschichtswissenschaft anlegen. Doch durch seine diversen Auslassungen (z.B. die Verantwortung der arabischen Palästinenser:innen für die erste Phase des Krieges 1947) und Verzerrungen trägt der Film zur Dämonisierung Israels und weiterer Polarisierung bei. Dazu zählt auch die Suggestion, die israelische Staatsgründung sei ein ausschließliches Projekt von Jüdinnen:Juden aus Europa, die im Film durch Sätze wie „Sie kommen aus Europa und stehlen unser Land“ oder subtiler durch eine Szene, in der eine jüdisch-polnische Familie in ein ehemals palästinensisch bewohntes Haus einzieht, hervorgerufen wird. Dabei wird zum einen der Antisemitismus auf arabischer Seite als Konfliktdimension völlig ausgeblendet, zum anderen erscheinen die Zionist:innen nun als weiße europäische Kolonisatoren und die Palästinenser:innen als indigene Gemeinschaft. Erinnert sei hier auch an den antisemitischen Slogan „Go back to Poland“, der jüngst im Schatten der Proteste gegen den Gaza-Krieg an Popularität gewann.

Überhaupt bleiben jüdische Israelis im Film weitgehend gesichtslos oder treten als kalte, herzlose und hasserfüllte Soldaten auf. In den wenigen Momenten, in denen sie das nicht tun, wirken sie geradezu naiv und scheinen in einer anderen, einer heilen Welt zu leben. Auch die filmische Darstellung des Dilemmas um die Organspende des palästinensischen Jugendlichen Noor, der durch das israelische Militär erschossen wurde, bricht das dichotome Schwarz-Weiß-Bild nicht auf. Zwar siegt hier der Humanismus, doch auch die Menschlichkeit wird als palästinensischer Widerstandsakt und moralische Überlegenheit gegenüber den (jüdischen) Israelis dargestellt. Erneut scheinen Palästinenser:innen als reine Opfergruppe das Gute zu verkörpern, während die Gegenseite die Rolle des Bösen oder zumindest des Naiven zugewiesen bekommt.

Auch an Kitsch und Folklore mangelt es Im Schatten des Orangenbaums nicht: So soll das erste Wort Noors weder Mama noch Papa, sondern „Olive“ gewesen sein – die Verwurzelung und tiefe Verbundenheit mit dem Land Palästina übersteigt sogar die zu den eigenen Eltern, so die Implikation. Ebenso deutet sich im Film eine Shoah-Analogie und damit die „Nazifizierung“ Israels an: In einer Szene nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 sieht man palästinensische Insassen eines israelischen Arbeitslagers, die teils gestreifte Häftlingskleidung tragen und hinter Stacheldraht unter Aufsicht bewaffneter israelischer Soldaten schuften müssen. Die Bildsprache,insbesondere die gestreifte Häftlingskleidung, die der KZ-Häftlingskleidung stark ähnelt, sollen vermutlich bewusst Assoziationen an die deutschen Konzentrationslager der Nationalsozialisten hervorrufen. Auch zum Ende des Films wird der Topos von den Palästinenser:innen als „Opfer der Opfer des Holocaust“, den man bereits bei Edward Said in „The Question of Palestine“ (1979) findet, aufgegriffen: So antwortet Dabis in ihrer Rolle als Hanan auf die Frage eines Israelis, ob die Palästinenser:innen nicht auch Mitgefühl für den Schmerz der Israelis hätten: „Wir leben euren Schmerz“, die Palästinenser:innen bezahlten dafür, „was eurem Volk geschehen ist“. Die Moral der Geschichte scheint ganz einfach: Die Opfer von damals sind die Täter von heute.

Der Film leistet damit alles andere als einen „Schritt zur Heilung“, wie von Dabis intendiert. Vielmehr begünstigt die angebotene Deutung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein falsch-vereindeutigendes Gut-Böse-, Unterdrücker-Unterdrückter und Täter-Opfer-Denken, frei von Komplexität, Ambivalenzen und Dilemmata. Während Israel als siedlerkolonialer Staat dargestellt wird, blendet der Film die palästinensische und arabische Verantwortung für Flucht und Vertreibung völlig aus. Damit ist nicht gesagt, dass palästinensische Familien im Kontext des israelischen Unabhängigkeitskrieges bzw. der „Nakba“ nicht auch völlig unschuldig Opfer von Vertreibung und Enteignung wurden. Ebenso ist es selbstredend legitim, die „palästinensische Sicht“ auf die Konfliktgeschichte auch in dramaturgisch zugespitzter und anklagender Form zu erzählen. Doch Im Schatten des Orangenbaums ignoriert sämtliche Komplexitäten des Krieges wie auch des Konfliktes im Allgemeinen und befördert selektive Empathie und manichäische Deutungen, in denen der Zionismus bzw. die israelische Staatsgründung als Wurzel allen Übels erscheint. So hinterlässt der Film kein vertieftes Verständnis des Konflikts, sondern vielmehr den Eindruck, er versuche jene Deutungsmuster zu popularisieren, die von Autoren wie Edward Said und Ilan Pappé geprägt wurden. Es bleibt auf eine kritische Rezeption des Films zu hoffen.

[1] https://www.vogue.de/artikel/im-schatten-des-orangenbaums-cherien-dabis-interview

[2] https://magazin.zenith.me/de/kultur/regisseurin-cherien-dabis-im-interview-ueber-kino-aus-palaestina

Anm.: Diese Filmrezension ist ein Arbeitsprodukt des Projekt „Shifts – Antisemitismuskritische Bildung & Beratung für Institutionen“.

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